Strom aus Kernfusion
Energie Auf dem ehemaligen AKW-Gelände in Gundremmingen soll weltweit der erste Kernfusionsreaktor entstehen.
In Gundremmingen soll Deutschlands erster kommerzieller Fusionsreaktor entstehen. Das teilte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag, 13. Januar, bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion in Banz mit. Günzburgs Landrat Hans Reichhart (CSU), Gundremmingens Bürgermeister Tobias Bühler (CSU) sowie die Günzburger Landtagsabgeordnete Jenny Schack (CSU) begrüßen laut einer Pressemitteilung den Schritt und bezeichnen ihn als „neue Ära der Energieversorgung.“
„Unsere Region liefert mit diesem Projekt die Antwort auf die entscheidenden Energiefragen der Zukunft“, wird Landrat Reichhart darin zitiert. „Der Magnetfusionsreaktor verspricht eine CO2-freie und grundlastfähige Energiequelle, die langfristig für stabile Energiepreise sorgen wird.“ Gundremmingens Bürgermeister Tobias Bühler bewertet die Entscheidung als „starkes Signal“: „Wir sichern hochqualifizierte Arbeitsplätze, nutzen unsere bestehende Infrastruktur und leisten einen aktiven Beitrag zu sauberem, verlässlichem und CO2-freiem Strom.“
Bereits seit „mehreren Jahren“ führen demnach Schack, Reichhart und Bühler „intensive Gespräche“ mit dem Energieversorger RWE, Universitäten und Hochschulen, Unternehmen und Start-Ups. Ein entscheidender Vorteil der Fusionstechnologie gegenüber der konventionellen Kernkraft sei die Umweltbilanz. Bei der Fusion entstünden keine langlebigen, hochradioaktiven Abfälle. „Die Magnetfusion bietet uns grundlastfähigen Strom, ohne das ungelöste Problem der Endlagerung an die nächste Generation weiterzureichen“, so Schack.
RWE unterstützt Bau
„Wir begrüßen die Ankündigung der Bayerischen Staatsregierung“, teilt RWE-Pressesprecher Jan Peter Cirkel auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE mit. Die Errichtung des Kraftwerks werde durch den Koalitionsvertrag der Bundesregierung unterstützt. Mit seiner bestehenden kerntechnischen Infrastruktur „bietet der Standort Gundremmingen beste Voraussetzungen“ dafür. Details zur Umsetzung konnte Cirkel noch nicht nennen: „Wir stehen da noch ganz am Anfang.“ In der kommenden Woche werde RWE aber gemeinsam mit dem Energieunternehmen Proxima Fusion eine Vereinbarung mit der Bayerischen Staatsregierung unterzeichnen.Bis der Fusionsreaktor kommt, werde der Rückbau auf dem Gelände des ehemaligen AKW normal weiterlaufen, teilt Cirkel mit.
Die Fusionstechnologie gilt als möglicher Schlüssel für saubere Energie der Zukunft. Seit den 1950er-Jahren wird weltweit an der Kernfusion geforscht, bislang blieb ein großer Durchbruch aus. Das Prinzip dabei: Zwei Wasserstoffkerne verschmelzen, verlieren einen kleinen Teil ihrer Masse, wodurch Energie freigesetzt wird. In der Sonne passiert das ständig auf natürliche Weise. Auf der Erde fehlt jedoch der für die Reaktion nötige immens hohe Druck – weshalb bislang in Versuchsreaktoren viel mehr Energie verbraucht als erzeugt wurde. Wenn die Pläne in Gundremmingen gelingen, wäre das bislang weltweit einmalig.
Wann ein Fusionsreaktor tatsächlich Strom liefern kann, ist noch unklar. Forschende sehen jedoch deutliche Fortschritte. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München geht davon aus, dass in etwa 20 Jahren ein erstes Fusionskraftwerk Strom produzieren könnte – „wenn Forschung, Industrie und Politik bei der Entwicklung jetzt Gas geben“, wie dessen Direktor Hartmut Zohm auf Anfrage schreibt.
Im Gegensatz zur klassischen Kernenergie aus Kernspaltungsreaktionen sei bei der Fusion eine „unkontrollierte Kettenreaktion“ ausgeschlossen. Zwar entstehe während des Betriebs radioaktives Material, dieses sei jedoch nur leicht bis mittelradioaktiv und habe deutlich kürzere Halbwertszeiten.
Der größte Teil könnte nach einigen Jahrzehnten wiederverwendet werden, ein kleiner Teil müsste für etwa 100 Jahre oder länger gelagert werden. Bei der Kernspaltung entsteht dagegen auch hochradioaktiver Abfall, der nach deutschem Standortauswahlgesetz für eine Million Jahre sicher gelagert werden muss.Zurzeit entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Deutschlands größter Batteriespeicher. Geplant ist außerdem ein rund 55 Hektar großer Solarpark zwischen Gundremmingen und Lauingen sowie der Bau eines Spitzenlastkraftwerks: eine Anlage mit bis zu 28 wasserstofffähigen Gasmotoren, die der Absicherung von Spitzenlasten, insbesondere in Zeiten von geringer Windkraft und Dunkelheit, dient.
Noch bis 2046 genehmigt ist das Atommüll-Zwischenlager auf dem AKW-Gelände, derzeit sind dort 153 Castor-Behälter eingelagert. Darin wird hoch radioaktiver Abfall aufbewahrt, bis er an ein Endlager geliefert werden kann – dessen Standort noch gesucht wird.