Kälbchen oder Spitzenforschung

  • Prof. Michaela Dippold im Gespräch beim SCHWÄBISCHEN TAGBLATT: „Bodenkundler sind sehr bodenständig“, sagt sie. Foto: Carolin Albers

Gast der Woche Sie kommt von einem „steinreichen Betrieb“: Die Geowissenschaftlerin Prof. Michaela Dippold, konnte nur dank Begabtenförderung das werden, was sie nun macht.

Michaela Dippold ist auf einem „steinreichen Betrieb“ aufgewachsen, 20 Hektar, 22 Kühe, Einöde in der Fränkischen Schweiz. Ihr Vater hat das mit dem steinreichen Betrieb immer gesagt, und er meinte das wörtlich. Lauter Steine auf dem Acker. Wenn sie nicht die Kälbchen tränkte, die Milchwanne saubermachte oder kiloweise Kohl für das Sauerkraut hobelte, saß sie nächtelang mit dem Teleskop auf dem Hof und schaute in den sternenklaren ländlichen Himmel. „Ich bin dann aber doch beim Boden geblieben“, sagt sie. „Ich musste mich entscheiden. Mir wurde dann irgendwann klar, dass wir über die Erde, auf der ich stehe, genauso wenig wissen, wie über den Himmel, in den ich schaue.“

Plötzlich in der Verantwortung

Michaela Dippold ist Geowissenschaftlerin an der Uni Tübingen und eine von drei Sprechern des Exzellenzclusters Terra, das untersuchen wird, wie Geo-Biosphären-Wechselwirkungen auf Umweltveränderungen reagieren und sie beeinflussen. In das Cluster ist sie sozusagen reingeworfen worden. 2021 bekam sie den Ruf nach Tübingen, und mit dem Geologen Prof. Todd Ehlers, mit dem Dippold schon von Göttingen in einem Projekt zusammengearbeitet hatte, arbeitete sie den Antrag fürs Cluster aus. „Ehlers hat Terra ins Leben gerufen, wir haben den Vorantrag zusammen mit dem Tübinger Team geschrieben, dann war er weg.“ Er ging an die Universität Glasgow, und Dippold hatte plötzlich die Verantwortung.

Aber noch mal einen Schritt zurück. Thema Verantwortung. Wenn ihr acht Jahre jüngerer Bruder nämlich nicht den Hof übernommen hätte, wäre Dippold vermutlich nie nach Tübingen gekommen. Die Entscheidung fiel erst im Studium. Alle drei Geschwister durften studieren gehen. Zahlen konnten die Eltern das zwar nicht, aber es waren drei gescheite Kinder. Die Älteste, Michaela Dippold, hatte eins der besten Abis Bayerns und bekam darüber ein Stipendium. Und es sollte nicht beim Fach Geoökologie bleiben, für ihr Doppelstudium (sie hat auch ein Diplom in Biochemie) wurde sie von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt. „Ich glaube nicht, dass ich heute da wäre, wo ich bin, wenn ich nicht jede Förderung für Begabte abgeräumt hätte, die es zu bekommen gab“, sagt sie.

„Unglaublich gute“ Uni-Politik

Da, wo sie jetzt ist – das ist ein Büro im mittlerweile nicht mehr ganz neuen Geo- und Umweltforschungszentrum auf der Morgenstelle. Nach ihrem Studium in Bayreuth, der Promotion in Göttingen, mit anschließender Juniorprofessur, folgte sie dem Ruf nach Tübingen. Auch Potsdam und Berlin hatten Interesse an der jungen Forscherin, „aber Tübingen hat so viel mehr Ressourcen“, begründet sie heute ihre Entscheidung. „Baden-Württemberg hat eine unglaublich gute Uni-Politik“ – besser als Bayern, wo sich alles nur auf München konzentriere. Außerdem sei Großstadt auch nichts für sie gewesen, sagt sie. Eine Bodenkundlerin braucht Grün um sich herum und einen Garten, auch privat. Den hat sie in Kiebingen mittlerweile gefunden.

Bodenkundler seien sehr bodenständig, sagt Dippold. Das habe ihr in dem Uni-Umfeld, dem bisweilen und je nach Fach natürlich auch ein gewisses elitäres Image anhaftet, geholfen. Mit Elite konnte Dippold nie etwas anfangen. Vielmehr schwärmt sie im Gespräch von der afrikanischen Lebenskultur, der Offenheit, Unkompliziertheit, der Herzlichkeit dort. Schon im dritten Semester, als ihr Professor sie für ein Projekt mit nach Äthiopien nahm, habe sie sich in den Kontinent verliebt. Vier Jahre lang, von 2017 bis 2021, leitete sie (hauptsächlich) in Kenia ein Projekt über Anbau in tropischen Böden.

Dass sie aber nicht nur Bodenkundlerin ist, sondern auch die Welt der Biochemie kennt, hat ihr besonders beim Exzellenzcluster geholfen. Schließlich geht es bei Terra genau um diese Wechselwirkung: Untersucht werden soll die Hypothese, ob und wie die Diversität der Geosphäre die Biosphäre stabilisiert und umgekehrt. Bis das Cluster aber von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt wurde, war es ein hartes Stück Arbeit. Nicht zuletzt, weil Lebenswissenschaftler und Naturwissenschaftler ganz anders denken.

Dippold spricht beide Sprachen, und zusammen mit Professorin Kira Rehfeld und Professor Olaf A. Cirpka hat sich nach dem Weggang von Todd Ehlers ein Sprecherteam für das Cluster zusammengefunden, das zwar unerfahren in dem ganzen Cluster-Bewilligungsprozess war. Das aber unglaublich engagiert an die Sache rangegangen sei. „Es hätte am Anfang wohl kaum einer an der Uni gedacht, dass wir ein Cluster holen. Wir waren in den ersten Übungen wirklich kein bisschen überzeugend“, sagt Dippold.

Dann wird sie sichtbar emotional, dass es doch gelungen ist, berührt sie noch immer. „Das war unglaublich. Wie das Team zusammengewachsen ist. Manchmal werden Engagement und Teamgeist einfach belohnt.“Die erste Runde der Projektausschreibungen ist nun vergeben, im April geht es so richtig los.Sie selbst wird dann versuchen, medizinische Erkenntnisse über das Darmmikrobiom auf Mikrobiome zu übertragen, die für die Bodenoberfläche bedeutend sind.

Verschiedene Bodenszenarien

Durch unterschiedliche Wärme und Wasserversorgung lassen sich im „Diversitorium“, einer Freilandanlage auf dem Ihinger Hof bei Renningen, eine Vielzahl verschiedener Bodenszenarien mit den unterschiedlichsten Gemeinschaften von Pflanzenarten simulieren, um ihren Einfluss auf die Pflanzenwelt zu untersuchen. Ihr Ziel ist es, die Systeme mit dem Mikrobiom resistenter zu machen.

Daneben hat sie als Professorin aber natürlich auch noch viel mehr zu tun. Sie forscht an der Pflanzen-Pilz-Boden-Interaktion, an Biokohle, betreut wieder ein landwirtschaftliches Projekt in Kenia und manchmal kommt sie dann auch noch ihrem Bruder auf dem elterlichen Hof mit verrückten Ideen um die Ecke. Die kann der jüngere Pragmatiker aber alle schnell wieder verwerfen, den Anbau von Kolbenhirse etwa. Meist widmet sie sich dort ohnehin eher ihrem Hobby, der Renovierung des alten Bauernhauses. Auch ihr Vater, 74, packt dafür noch die Motorsäge aus. Denn eins ist Michaela Dippold trotz ihrer Liebe zu der Wissenschaft ganz klar: Irgendwann geht es zurück auf den steinreichen Hof: „Noch ist das Bauernhaus fürs Wochenende gedacht. Irgendwann wird es unser Alterswohnsitz.“

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